„Aussprache mit Wohlfahrtsverbänden wichtiger denn je“
SPD-Kreistagsfraktion deckt im Verbandsdialog Handlungsbedarf im sozialen Gefüge des Landkreises auf
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Traunstein (sts). Neue Erkenntnisse, vor allem aber Handlungsbedarf in vielen sozialen Bereichen im Landkreis erbrachte eine Aussprache der SPD-Kreistagsfraktion mit den Wohlfahrtsverbänden des Kreises. Im Raum Trostberg ist es der Bedarf an Erziehungsberatung, bei der Caritas sind es ebenfalls Planstellen für Sozialbetreuung, die aufgrund des dramatischen gesellschaftlichen Wandels dringend nötig seien. Das Gespräch zeigte erneut, dass seit dem Wegfall des Sozialhilfeausschusses im Kreistag die Vermittlung der Anliegen aus den sozialen Verbänden ins Stocken geraten ist.
Die SPD-Kreistagsfraktion hatte Vertreter der Arbeiterwohlfahrt (AWO), der Diakonie, der Lebenshilfe, der Caritas sowie des VdK eingeladen, um deren aktuelle Situation und Anliegen entgegenzunehmen. Ein, wie Fraktionssprecherin Waltraud Wiesholer-Niederlöhner bemerkte, „wichtiger Schritt“ und gleichzeitig Neueinstieg in die enge Kooperation mit den Wohlfahrtsverbänden. Das zeigten auch die Einzelvorstellungen der Verbandsvertreter, die allesamt den Wegfall des Sozialhilfeausschusses bedauerten. Kreisgeschäftsführer Kurt Stemmer vom Roten Kreuz wünschte sich in Zukunft wieder mehr ein Gremium der Vernetzung ins Leben zu rufen. Aktuell werden in der Rettungsleitstelle die Dienste von Feuerwehr und BRK vernetzt. Dringenden Bedarf an Planstellen hat Franz Burghartswieser von der Caritas in Traunstein. Gerade mal eine halbe von eineinhalb geforderten wurde genehmigt, wodurch die in den letzten Jahren deutlich zugenommene Sozialarbeit nur mehr schwer zu bewältigen sei. Und auch die genehmigten Stellen seien zum einen auf fünf Jahre befristet, was Studienanfänger verleite, dies als Karriere-„Sprungbrett“ zu nutzen. Zum anderen müsse man sich durch die Ausschreibung, den Billigdienstleistern stellen, die oft weit unter Tarif bezahlen, was auch Traunreuts Zweiter Bürgermeister Ernst Ziegler so sah. Zudem vermisse er die dringend notwendige direkte Aussprache, die mit dem Wegfall des Sozialhilfeausschusses de facto nicht mehr statt finde. Eine gute Kommunikation mit dem Landkreisgremien wünschte sich auch Lebenshilfe-Geschäftsführerin Annemarie Funke. Die Lebenshilfe plane derzeit, Wohnraum für alte geistig behinderte Menschen zu schaffen, die erstmals in der deutschen Geschichte gesonderte Pflegemaßnahmen in der Behindertenbetreuung erfordern. Der Haushaltsausschuss im Landkreis hat hierfür bereits einen Zuschuss im Rahmen von freiwilligen Leistungen für das Haushaltsjahr 2009 vorgesehen, berichtete die Fraktionsvorsitzende. Eine besonders intensive Betreuung erfordere auch die offene Ganztagsschulbetreuung in Trostberg. Die Leiterin der Ganztagsbetreuung Gabi Muthmann von der AWO berichtete von einem Mangel an Erziehungsberatung im Raum Trostberg. Durch den gesellschaftlichen Wandel steige auch der Anteil, seelisch behinderter und verhaltensauffälliger Kinder, die mit dem bestehenden Personal nicht adäquat zu betreuen seien. Spontan bot im Rahmen der Aussprache Thomas Zugehör, der Geschäftsführer der Diakonie in Traunstein an, Beratungskontakte zu vermitteln. Auch die SPD signalisierte Unterstützung. SPD-Stadträtin Gabi Griesbeck und Kreisrat Hans-Michael Weisky werden mit dem Trostberger Bürgermeister in Kontakt treten, um die Schaffung von Beratungsstellen in Trostberg voranzutreiben. Sepp Konhäuser sah Prävention auch hier als grundlegend wichtig, nicht zuletzt wegen der hohen Folgebetreuungskosten für den Landkreis. Georg Niederbuchner vom Kreisverband des VdK stellte die Planungen zur neuen Kreisgeschäftsstelle vor und sprach von einem starken Mitgliederzuwachs im letzten Jahr. Auch ihm war die Vernetzung unter den Wohlfahrtsverbänden ein Anliegen. Die „soziale Kompetenz“, die eindeutig bei den Wohlfahrtsverbänden angesiedelt sei, rückte Diakoniegeschäftsführer Thomas Zugehör in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Gerade in der heutigen Zeit, in denen der Verlust dieser sozialen Kompetenz unter den Bankern einer der zentralen Auslöser der weltwirtschaftlichen Krise war, gelte es wieder sich dieser Werte rückzubesinnen. Die Armut in Familien sei schlimmer, als bisher angenommen. Viele Familien auch im Landkreis könnten sich nicht mal Kleidung für die Kinder leisten. Hier trage auch die Politik Verantwortung, mit wirksamen Maßnahmen gegenzusteuern, so Zugehör. Traunsteins Altoberbürgermeister Fritz Stahl sprach von fehlender Moral, die weder Kindern vermittelt, noch von Erwachsenen vorgelebt werde und von Medien, die ihren Auftrag nicht mehr erfüllen, nur mehr berieseln statt sachlich zu informieren. Landratsstellvertreter Sepp Konhäuser bestätigte, dass es keinen wirklich „freien Markt“ bei der Belegung von sozialen Planstellen mehr gebe – Billiganbieter ruinieren lebenssichernde Tarifstrukturen. Er als auch Waltraud Wiesholer-Niederlöhner sicherten nicht nur Gesprächsbereitschaft (mit weiteren gemeinsamen Gesprächsrunden) zu, sondern werden die in der Runde vorgetragenen Anliegen auch an den Landrat weitergeben. Ruhpoldings Bürgermeister Claus Pichler ergänzte das Angebot mit dem Hinweis, dass man zukünftig aufgrund begrenzter Mittel Schwerpunkte in der Sozialarbeit überdenken müsste.
